Die Dualität des Glücks
Gedanken zum Erntedank
Erntedank – damals und heute
Kennst du noch das Lied „Danke für diesen guten Morgen, Danke für jeden neuen Tag …“
Für mich das ultimative Erntedanklied, bei welchem ich übrigens erst später gemerkt habe, dass es einen kirchlichen Bezug hat. Entweder hab ich im Kindergarten nie mitbekommen, dass es einen christlichen Bezug hat oder es einfach vergessen. Denn diese Zeit ist ja schon etwas her.
Und es gab auch Zeiten in meinem Leben, wo ich mit dem Erntedankfest nichts mehr anfangen konnte. Denn es fiel mir schwer, das tägliche Essen, welches eine Normalität für mich war, mit einer Besonderheit, für die ich dankbar sein konnte, in Einklang zu bringen.
Als kleines Kind, welches im Garten noch die Arbeit und die Ernte mitbekommen hat, da fiel es leichter dankbar zu sein. Obwohl meine Dankbarkeit sich manchmal eher darin ausgedrückt hat, wenn ich nicht beim Erdbeerklau erwischt worden bin. Was by the way wenig bis nie vorkam, denn der rote Saft der süßen Früchte und der allergische Ausschlag gegen die Blüten waren schon echte Spielverderber.
Und ich muss zugeben, dass es mir auch heute häufig schwerfällt in meiner gesegneten Normalität dankbar zu sein.
Wie schnell geht, mein Blick auf das, was nicht gut ist. Auf meine in dem Moment so groß erscheinende Not, welche vielleicht von anderen Menschen noch nicht einmal als diese wahrgenommen wird.
Aber scheinbar bin ich da nicht alleine, denn wie häufig reden wir über die Dinge, die schlecht laufen. Und vergessen dabei die tausend Sachen, für die wir dankbar sein können.
Dankbarkeit für Tränen?
In unserem Gottesdienst heute haben wir nicht das alte Kirchenlied gesungen, dafür unter anderem eins von Andrea Adams Frey. Dort heißt es in einer Strophe:
Danke für das Lachen.
Danke für die Tränen.
Und bei den Tränen war ich erst stutzig. Bin ich wirklich dankbar für die Tränen?
Denn Tränen verbinde ich entweder mit Trauer und Verlust oder Frust. Alles Dinge, die ich nicht so gerne erlebe. Kann ich für diese Dinge wirklich dankbar sein? Und im Hinblick auf die letzte Zeile der Strophe, muss ich sagen: Ja, tausendmal ja!
In der letzten Zeile der Strophe steht nämlich: Danke dafür, dass ich fühlen kann.
Und ich kann mich an Zeiten in meiner Vergangenheit erinnern, in denen ich weder lachen noch weinen konnte. Denn ich hatte so viel erlebt und durchgemacht, dass ich dachte, dass wenn ich noch einmal Tränen vergießen muss, nie wieder aufhören kann, weil der Schmerz mich zerreißt. Ich unterdrückte Gefühle. Aber der Preis für weniger schmerzhafte Gefühle waren auch weniger schöne Gefühle. Und eine Welt ohne jegliche Gefühle, war für mich im Nachhinein wie ein Film in schwarzweiß, denn die Tiefe und Brillanz fehlte. Deswegen bin ich dankbar für die Tränen, denn sie gehören zum Leben dazu. Sie sind wie eine Seite einer Münze.
Allerdings fällt es mir schwer, die Situationen, die zu Tränen führen zu mögen. Denn während es als Kind noch hieß: Heile, Heile, Mausespeck bis morgen (oder bis du verheiratet bist), ist alles wieder weg. Weiß ich heute das es anders ist. Als Kind verloren Situationen schnell an Dramatik und sind in Vergessenheit geraten. Da ich nicht verheiratet bin, weiß ich nicht, ob dann alles gut wird. Aber wenn ich das Leben anderer Menschen sehe, dann sehe ich, dass die Ehe nicht die Lösung für alle Probleme ist. Denn zu lieben und sein Herz zu öffnen, kann auch bedeuten, Trauer und Schmerz zu empfinden, besonders dann, wenn Krankheit und Tod, das Liebesglück wie ein Schatten überlagern. Auch hier ist das besondere Glück, mit einem Geliebten zusammen zu sein, nur eine Seite der Medaille.
Die Dualität des Glücks
Vielleicht ist es in allem so. Wir können dankbar sein für die schöne Wohnung, in der wir leben. Aber das Putzen, damit die Wohnung schön bleibt, ist vielleicht eher die Kehrseite.
Wir können dankbar sein für die Vielfalt an Essen und Leckereien. Die sportliche Betätigung, damit der Überfluss nicht so dramatisch ausfällt, ist halt die andere Seite.
Oder die guten Noten oder der Erfolg, die uns erfreuen. Aber die mit vielen Stunden Lernen und Entbehrung einhergehen.
Es ist beinahe so, als wäre Glück oder Dankbarkeit etwas Duales. Unter Dualität versteht man das Vorhandensein von zwei (meist gegensätzlichen) Sachen (Quelle: Wikipedia). Ohne Tränen, keine Freude. Ohne Fleiß, kein Preis und weniger Schmerz, könnte mit weniger Liebe einhergehen.
Schon der Prediger wusste, dass es verschiedene Zeiten gibt, als er die vielen gegensätzlichen Sachen aufzählte. (Prediger 3,1ff). Beim Lesen dieser Verse könnte man deprimiert die Bibel zuschlagen. Oder wir finden Trost darin, dass es verschiedene Zeiten gibt, dass Leben und Glück etwas Duales sind.
Die Dualität meines Glaubenslebens
Und letztendlich ist es auch so mit dem Glauben, welcher ein Geschenk Gottes ist. Aber der Glauben geht nicht mit der Alles-wird-gut-Garantie auf Erden einher. Ja, einmal in Ewigkeit wird alles gut, aber bis dahin wird es immer wieder Situationen geben, die herausfordernd sind. Bei manchen Situationen können wir vielleicht im Rückblick erahnen, wozu diese gut waren, bei manchen vielleicht nie. Aber in all dem haben wir einen Gott, zu welchem wir dank des Kreuzes und der Vergebung kommen können. Ein Gott, der uns sieht, der uns nie alleine lässt und der uns versteht. Und das ist wundervoll und lässt mich dankbar sein. Ich hoffe, dass ich auch daran denke, wenn ich das nächste Mal vielleicht eher unmotiviert oder frustriert vor meiner Bibel sitze oder bete. Denn diese „Mühe“ ist die Kehrseite eines wundervollen Versprechens. Wie jede andere Beziehung, geht auch meine Gottesbeziehung mit einer Kehrseite in Form von Einschränkungen, Priorisieren oder mangelnder Zeit an anderer Stelle einher.
Und das möchte ich immer mehr wertschätzen. Denn auch wenn man von der Dualität von Glück reden kann und es vielleicht sogar manchmal willkürlich erscheinen mag. So habe ich die Macht, worauf ich meinen Fokus lege. Auf die Tränen oder auf das Geschenk der Gefühle empfinden zu können? Das ist zwar nicht die Lösung aller Probleme. Aber vielleicht erleichtert es ein wenig. Denn manche Situationen können wir nicht ändern. Aber wir können unseren Blickwinkel auf die Situation ändern. Wofür entscheidest du dich in der nächsten Herausforderung?
